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Geschichte der Schriften - Die Bibel

Bibeltexte: Kanon und Apokryphen

Viele Texte innerhalb der heutigen Fassung der Bibel (= „Kanon“ der Bibel) verraten bereits textimmanent (= rein aus dem Text heraus) einiges über die Entstehung des Textes selbst – als auch darüber, dass er aus weiteren Texten und Quellen schöpft, die jedoch in dieser Bibelausgabe nicht – oder nicht mehr – zu finden sind. So heißt es beispielsweise in Lk 1.1:

Nachdem viele es unternommen haben, einen Bericht über die Tatsachen abzufassen, die unter uns völlig erwiesen sind, wie sie uns diejenigen überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind, so schien es auch mir gut, der ich allem von Anfang an genau nachgegangen bin, es dir der Reihe nach zu beschreiben, vortrefflichster Theophilusa, damit du die Gewißheit der Dinge erkennst, in denen du unterrichtet worden bist.

Es bedarf also keines aufwendigen Theologiestudiums, um Widersprüche in der heutigen Bibel und Bibelforschung zu entdecken. Das Werk selbst gibt Zeugnis darüber, dass es außerhalb des Bibelkanons reichhaltiges Schriftmaterial gab und gibt.

Darüber hinaus haben wir manches ‚Unverständnis‘ und manche ‚Ungereimtheit‘ auch einfach verdrängt, obwohl wir immer wieder an ein und derselben Stelle zweifelten oder auch regelrechte Löcher entdeckten.

Beispiel Jesus!
Da liegt er in der Krippe – ein Baby also ... dann ist er plötzlich 12 Jahre alt und sitzt konzentriert mit Weisen beieinander, die überbeeindruckt sind von der Aufnahmefähigkeit des kleinen Jugen ... dann ist er plötzlich 30 Jahre alt und jagt die Händler aus der Kirche ... predigt er noch eine kurze Weile, und dann hängt er am Kreuz!
Und genau hier stellen sich Fragen über Fragen:

Wenn solch detaillierte Beschreibungen von Jesus wiedergeben wurden, wo sind dann die anderen Geschichten - „Aufzeichnungen“ geblieben, die über die weiten Zwischenräume seines Lebens berichten:
Was hat Jesus in seiner Kindheit gemacht, wo ging er zur Schule, mit wem hat er gespielt, welche Lehre, Ausbildung hat er getätigt, welche Freunde hatte er um sich, wie sah sein Tagesablauf aus, hatte Jesus eine Frau, eine Familie - wie es absolut üblich war zu dieser Zeit ... und viele Fragen mehr.
Und mit solchen Fragen steht man nicht allein. Denn schon im frühen Christentum stellten sich viele Anhänger genau dieselben Fragen und gaben auch Antworten darauf, zum Beispiel im „Kindheitsevangelium des Thomas“, einer apokryphen Schrift, die keinen Einzug in den sog. Kanon der Bibel, und auf die es auch keinerlei Verweise an anderen Stellen der Bibel gibt.

Umgekehrt finden sich aber innerhalb der Bibel sehr wohl reichhaltige Verweise auf andere Schriften und Quellen, die selbst aber nicht – oder nicht mehr – in der heutigen Bibel zu finden sind, z. B.:
Mos 21.14 „Daher heißt es in dem Buch von den Kriegern des Herrn
Jos. 10.13 Mitte „… Ist dies nicht geschrieben in dem Buch des Redlichen...“
Sam. 1.18 „... man solle die Leute von Juda das Bogenlied.
Siehe, es steht geschrieben im Buch des Redlichen:“ [Zitat bis 27]
Auch wird mannigfach der Name Henoch genannt, während das Buch Henoch selbst keinen Einzug in den Bibelkanon gefunden hat.


Apokryphen

Wer sich mit dem Thema Apokryphen beschäftigt, betritt automatisch gleich mehrere Welten aus religiösen und biblischen Geschichten sowie Religions-und Bibelgeschichte.
Darüber hinaus tangiert der theologisch Interessierte auch Bereiche der Mythologie, aus deren Rubrik ganze Textvorlagen zu erkennen sind – wie beispielsweise die Sintflutgeschichte des Gilgamesch-Epos, das als fertiger Text bereits Jahrhunderte vor den biblischen Texten vorlag … und als Erzählung wohl gar Jahrtausende!

Diese Beispiele allein zeigen, dass es sich bei den Apokryphen oder außerbiblischen Texten keineswegs automatisch um häretisches Schriftgut handelt oder handeln muss.

Im Gegenteil: Gerade die Beschäftigung – oder das Sich-Öffnen gegenüber den außerkanonischen Schriften gibt Einblick in die unglaublichen geistigen Anstrengungen, die das Christentum unternommen hat, um die göttlichen Gedanken verstehen zu können – und sich so überhaupt nach ihnen richten zu können!
Auch wenn also der Gesamtchristenheit (Protestanten, Katholiken, Orthodoxe u. a.) kein einheitliches Kernwerk zur Verfügung steht, erschließt sich aus den ‚Varianten‘ der Bibelausgaben und der Vielfalt der Schriften außerhalb der Kanons doch das immense Gedankengut und die Willenskraft zu einer gemeinsamen Erkenntnis … und letzlich zu einer gemeinsamen festen Kirche.
Die Auswahl und Reihenfolge aus dem riesigen Pool von Texten ist also alles andere als das Produkt von Willkür. Es war notwendiges Bindeglied in einer ausufernden Spaltung von Texten, Gedanken, Predigten ... und somit der ganzen christlichen Kirche und Religion!. (Dazu mehr an anderer Stelle).

Entwicklung oder Willkür
Nichts desto trotz sind viele der nicht enthaltenen Schriften = Apokryphen alles andere als uninteressant oder überflüssig. Denn sie geben neben dem Einblick in die gedankliche Entwicklung der Christenheit auch geschichtliche oder rein menschliche Ergänzungen zum Verständnis der christlichen Philosophie wieder. Und selbst Luther bezifferte die Apokryphen (Auswahl) seiner Bibelausgabe als zumindest lesenswert:

«Das sind Bücher, so der Heiligen Schrift nicht gleich gehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind.»

Apokryphen bei Luther:

Das Buch Judith
Die Weisheit Salomos
Das Buch Tobias (oder Tobit)
Das Buch Jesus Sirach
Das Buch Baruch (mit dem Brief des Jeremia)
Das 1. Buch der Makkabäer
Das 2. Buch der Makkabäer
Stücke zum Buch Esther
Stücke zum Buch Daniel
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Die Geschichte von Susanna und Daniel
- Vom Bel zu Babel
- Vom Drachen zu Babel
- Das Gebet Asarjas
- Der Gesang der drei Männer im Feuerofen
Das Gebet Manasses


Die obigen Texte sind übrigens in der katholischen Bibel bzw. der Einheitsübersetzung im Alten Testament integriert. Der Textumfang (katholische/protestantische Bibel) ist also der gleiche!